Journalismus im 2.0 Zeitalter

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Vor einiger Zeit hat mir Dr. Gerhard Rettenegger, Chefredakteur des ORF Landesstudio Salzburg, einige Fragen zum Thema „Social Web“ beantwortet, hier das Email Interview.

1) Welche Social Web Instrumente nutzen Sie selbst (aktiv und passiv) bereits heute? Mit welcher Zielsetzung?

Web-2.0-Tools nutze ich um mich zu informieren, Texte zu kommentieren und um selber Informationen bereit zu stellen. Letzteres allerdings nicht im Sinne meiner Alltagstätigkeit als Journalist, wo ich ja in der weitgehenden Einwegkommunikation der „analogen Massenmedien für die breite Öffentlichkeit“ (© Rettenegger) nach der Definition von Dan Gillmor, dem Vorreiter des Bürgerjournalismus, als Vortragender („lecturer“) den Rezipienten fertige Versatzstücke der Wahrheit präsentiere. In Social-Web-Anwendungen bin ich nach Gillmors Definition als Dialogpartner („conversationist“) tätig, um Informationen, Wissen und Erfahrungen mit den Rezipienten auszutauschen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass dieser Wandel vom Vortragenden zum Dialogpartner zwar eine schmerzliche, aber für das Überleben notwendige Entwicklung für die Journalisten ist. Wobei Journalisten in der Einbeziehung der Konsumenten (zum Beispiel durch Crowdsourcing, Blogs oder Foren) ihre beruflichen Wertmaßstäbe wie gründliche Recherche, Ausgewogenheit, Fairness, Distanz, Unabhängigkeit, Selektion oder gute, verständliche Aufbereitung der Berichterstattungsmaterie nicht aufgeben dürfen.

Ich nutze:
Blogs aktiv: Ich will Information teilen und Respons darauf bekommen. Ehrlich gesagt habe ich nur mein „Logbuch“, in dem ich bemerkenswerte Ereignisse und Gedanken notiere, online gestellt (http://rettenegger.blogspot.com/ ). Allerdings habe ich mich mit der Blogosphere (z.B. über Technorati) aus Zeitmangel noch nicht intensiv verlinken können. Daher sind meine Webnotizen noch weitgehend privat.

Blog passiv: Blogs konsumiere ich regelmäßig, eigentlich nur medienbezogene; z.B. http://www.bildblog.de/ von Stefan Niggemeier.

Intensiv verwende ich Netvibes , wo ich für meine Vorlesungen Literatur und Links sammle, auf der privaten Netvibes-Seite zusätzlich meine sämtlichen RSS-Feeds. Diese Bereitstellung von bereits vorsortierter Information, wie sie RSS-Feed oder Google-Alerts bieten, halte ich für einen der größten Vorteile von web 2.0. So habe ich zumindest eine minimale Chance, in der Informationsflut des Internet mit vertretbarem Zeitaufwand zurecht zu kommen. Allerdings gebe ich zu, dass die Freude von interessanten Zufallsentdeckungen aus ganz anderen Gebieten durch diese automatisierte Vorselektion auf der Strecke bleibt.

Regelmäßig nutze ich XING, wo ich auch zahlende Mitglied bin. Die dort geschlossenen Kontakte sind zwar nicht zum Überleben notwendig, aber oft nützlich.

Auch delicious versorge ich in unregelmäßigen Abständen mit Links.

Eine Zeitlang habe ich mich in Second Life herumgetrieben, aber nie wirklich Begeisterung für die Welt der Avatare entwickeln können. Ich bin von dieser animierten, virtuellen Kommunikationsebene  aber sehr fasziniert.

Und seit einiger Zeit versuche ich mich mit Twitter, weil ich das Potenzial dieses Dienstes (auch twitpic) für den Journalismus ausloten will.

Forumseinträge verfasse ich mehr oder weniger regelmäßig auf den unterschiedlichsten Portalen.

Und schließlich lehre ich an der Universität Salzburg „Online Journalismus“. Für das Sommersemester habe ich eine Plattform eingerichtet, auf der ich mit den Studierenden „Multimedia Reporting“ üben und natürlich auch neue Möglichkeiten des Storytellings testen möchte: http://www.medienzukunft.info/Medienzukunft/

Ich glaube, ich habe keine wesentliche Applikation vergessen.

2) Welche Auswirkungen hat Ihrer Meinung nach das Social Web auf die Arbeit eines Journalisten?
Wie wird das Web Ihre Arbeit positiv/negativ beeinflussen?


Die Auswirkungen – die ich ja schon in Antwort 1) angerissen habe – sind für mich noch nicht klar absehbar. Die Entwicklung ist weniger von den neuen Möglichkeiten als vielmehr rein ökonomisch getrieben: den analogen Massenmedien für die breite Öffentlichkeit geht das Geld aus, die Wirtschaftskrise beschleunig den Rückgang der Werbeeinnahmen. Auch der ORF hat 2008 40 Millionen weniger an Werbung eingenommen – aber wir haben ja wenigstens noch die Gebühren als fixe Einnahmequelle. In den USA (siehe: http://graphicdesignr.net/papercuts/ für den US-Printsektor) schlägt die Entwicklung schon voll durch. Erst vor wenigen Tagen hat die traditionelle „Rocky Mountain News“ in Denver nach 150 Jahre ihr Erscheinen eingestellt. Das Geschäftsmodell von Print und elektronischen Medien, das nur auf Menge aufgebaut ist – je mehr Leser, Hörer und Seher, umso mehr verdient das Medium – erodiert. Die Rezipienten gehen verloren.

Sie wechseln ins Internet. Dort fehlt noch ein Geschäftsmodell für die traditionellen Medien, damit sie Geld verdienen. Aber so viel ist wohl klar: Journalisten mit ihrem althergebrachten Verständnis für Informationsvermittlung werden im Netz keinen Blumentopf gewinnen. Wenn sie aber mit den Instrumenten von Web-2.0-umgehen können, wenn sie es verstehen, Geschichten nicht mehr monomedial (Print oder Radio oder Fernsehen), sondern multimedial  zu erzählen, wenn sie also die Stärken und Schwächen der einzelnen Medien und Vertriebskanäle  beim Geschichtenerzählen  kennen und wenn Journalisten schließlich ihre Tugenden, also den handwerklichen Mehrwert ihres Berufsstandes (siehe oben: gründliche Recherche, Ausgewogenheit in der Berichterstattung , Fairness, Distanz, Unabhängigkeit, Selektion,  gute, verständliche Aufbereitung, etc.), dann halte ich eine Zukunft für Journalisten, die diese Bezeichnung noch verdienen, durchaus für möglich.

Persönlich glaube ich, dass viele Rezipienten sehr rasch die lähmende Flut an Informationen satt haben, selber nicht die Kompetenz oder Kraft auftreiben Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Diese Rezipienten werde die journalistisch gut aufbereitete Information wieder suchen und auch bereit sein, Geld dafür zu bezahlen.

Natürlich müssen alle am massenmedialen Kommunikationsprozess Beteiligten den richtigen Umgang mit den neuen Möglichkeiten des Publizierens erst lernen. Der Journalist muss lernen, mit seinen Rezipienten professionell umzugehen, der plötzlich nicht mehr anonym und heterogen ist; gleichzeitig müssen die Rezipienten mit den neuen Möglichkeiten des massenmedialen Publizierens umgehen lernen und nicht mehr die Anonymität in Nachrichtenportal-Foren missbrauchen und dort strafrechtlich relevante Ausdünstungen hinterlassen. Um zwei Beispiel zu nennen.

Persönlich glaube ich, dass die Möglichkeiten des Social Web, richtig eingesetzt, den Journalismus positiv beeinflussen werden.

Voraussetzung ist allerdings, dass die Medienunternehmen in der schon skizzierten misslichen ökonomischen Lage die Mittel bereit stellen werden damit die Journalisten den Übergang ins Internet schaffen. Nur: Das tun die Medienunternehmen bisher zu wenig bis gar nicht. Vielmehr werden die Redaktionen ausgehungert, journalistische Arbeit nach den traditionellen Qualitätsmaßstäben wird immer schwieriger. Das ist ganz schlecht und stimmt mich negativ..

3) Welche Erwartungen haben Sie als Journalist an Tourismusorganisationen in bezug auf den Einsatz von Social Media Instrumenten?


Es sind weniger Erwartungen als Befürchtungen. Die Tourismusorganisationen habe erkannt / werden erkennen, dass das neue Mediensystem Internet die Abhängigkeit von den Medien, z.B. welche Geschichten wie publiziert werden, in hohem Maße überflüssig macht. Die Informationen von den Tourismusorganisationen zu den Rezipienten müssen nicht mehr über Medien für eine breite Öffentlichkeit transportiert werden. Die „digitale Medienwelt der fragmentierten Publika“ (© Rettenegger) macht zudem fokussierte Arbeit der Tourismuswerber möglich. Streuverluste bei aufwändigen Werbekampagnen für eine breite Öffentlichkeit sind teuer ; Zielgruppenarbeit im Internet hat eine höhere Trefferquote und ist damit kostengünstiger.

Die klassischen Kommunikationskanäle von Tourismusorganisationen zu Medien sind im Übrigen gut ausgebaut.

Vielen Dank für die sehr ausführliche Beantwortung!
Foto: http://www.salzburger-fenster.at

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